Welche Bedeutung hat das „Ich“ und in welcher Bezugsrichtung steht es?

Studientag am 22. Oktober 2016
zusammengefasst von Ilona Kramhöller

Aus unterschiedlichen Fragen der Anwesenden, wie beispielsweise: „Welche Stellung nimmt das Christentum oder die nachtodliche geistige Ebene im Yoga ein? Wie halte ich die Konzentration in einer Übung? Wie lerne ich zu unterscheiden, wann eine Empfindung körperlich und wann eine Empfindung seelisch-geistig motiviert ist? Wann ist ein Gedanke nur Intellekt und wann Wirklichkeit und Wahrheit? Was bedeutet Esoterik und Exoterik und wie erfolgt ihre Umsetzung?“ entstand schwerpunktmäßig das Thema: „Welche Bedeutung hat das ICH und in welcher Bezugsrichtung steht das ICH?“

Wie kann man sich eine Vorstellung zum ICH erbauen?

Heinz Grill machte darauf aufmerksam, dass es überaus wesentlich ist, sich eine Vorstellung über das ICH zu verschaffen, was das ICH eigentlich sei. Er beschrieb weiter, dass bereits in der Sprache, in dem Wort „ICH“ das Geistig-Kosmische vorhanden ist, es jedoch heute nicht mehr empfunden werde. Im Italienischen heißt Ich „IO“. Der Italiener empfindet das Ich mehr kosmologisch durch das „O“, welches umfassend ist und der Kreis für Unendlichkeit steht. Der Deutsche empfindet das „Ich“ mehr ideologisch, weil Jesus-Christus in dem Wort Ich zu erkennen ist. Das „I“ steht für das „J“ von Jesus, und das „ch“ steht für Christus. Weiterhin bezeichnet das „J“ die Höhe und wird vertikal, himmelwärts empfunden, genau wie das „I“ im italienischen „IO“. So kann man in dem Wort „ICH“ bereits das Christus-Prinzip finden.

Dieses Erkennen und Empfinden ist jedoch in der heutigen Zeit verloren gegangen, weil die intellektuellen Überlastungen sehr stark sind. Die wahren feineren Empfindungen werden regelrecht ausgeschlossen, weil die intellektuelle Überlastung meist mit Emotionen kompensiert werden muss. Der Mensch bewegt sich dadurch hin und her zwischen Stress und Entspannungssuche und verliert die Ruhe und Konzentrationsfähigkeit, die einer wirklichen Empfindungsentwicklung voraus geht.

Das Ich im Verhältnis zu Ego und Selbst

ICH

                                           (moha) EGO                                        SELBST (manas, buddhi, atman)

Diese Skizze von Heinz Grill beschreibt, dass dem ICH zwei Bewusstseinsströme zufließen können. Ein Bewusstseinsstrom fließt aus dem Ego heraus, er ist mehr gebunden und unfrei und verursacht durch eine falsche Bewertung der Dinge eine Täuschung und sorgt deshalb für Verwirrung (moha). Ein zweiter Bewusstseinsstrom kann für mehr Freiheit und Klarheit sorgen. Er kommt in Bewegung, wenn das ICH tätig wird, wenn der Mensch aus der Anschauung und Beobachtung heraus ein objektives Gedankenleben aufbaut und sich durch diese gegenwärtige Arbeit von vorschnellen Bewertungen und Denkmustern löst. Es entsteht ein Denken, das freier ist. Heinz Grill bezeichnet dies als den langsamen Beginn für die wahre Selbstwahrnehmung, für ein wahres Selbstbewusstsein, das dem Menschen zu einem Ich-Standpunkt verhilft.

Das Gefühl von „ICH-WILL“ ist dabei eine große Antriebskraft für den Menschen. Dieses Ich-Will ist immer gepaart mit Interesse und wenn dieses Interesse in Verbindung steht zu einem Ideal, zu einem Wahrheitsgedanken oder zu Prozessen, die aufbauend auf das Beziehungsleben wirken, dann können wirkliche Empfindungen den Menschen berühren und Erkenntnisse herbei führen (buddhi – Erkenntniskraft). Wird jedoch das ICH-WILL zur Gewalt, dann entstehen abbauende Kräfte.

Dieser Übungsweg, wie Heinz Grill ihn vorschlägt, beschreibt eine aufbauende Ich-Aktivität. Es ist ein Übungsweg des Loslassens eines äußeren Willens und des Loslassens von Denkmustern und er bedarf einer gegenwärtigen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für ein objektives Gedankenleben. Die Konzentrationsarbeit in Form der Beobachtung lässt eine Ruhe entstehen, die für Überblick und Empfindsamkeit sorgt. Es entsteht immer mehr eine Unterscheidungskraft dafür, welche Gefühle vom Körper, vom EGO herrühren und welche Gefühle einer objektiven Wirklichkeit entsprechen. Auf diese Weise wird die Fähigkeit geschult diese Unterschiede zu erkennen.

Wenn der Mensch über eine geordnete Ich-Aktivität eine Fähigkeit oder ein Talent von sich auszuprägen lernt, so wird er zunehmend authentisch nach außen wirken und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der Mensch wird auf diese Art eine Autorität ausstrahlen ohne dabei autoritär auftreten zu müssen. Diese Ausstrahlung wirkt anziehend, weil sich darin eine Selbstverwirklichung zeigen kann (atman – das wirkliche Selbst, die Göttlichkeit der Seele, die ureigene Realität).

Heinz Grill beschrieb in diesem Zusammenhang, dass Spiritualität nicht bedeute, eigene Bedürfnisse asketisch abzulegen oder im Gegenteil dazu nur noch das zu tun, was einem „gut tut“. Dieser Satz „Tu was Dir gut tut, was Dir gefällt“ könne missverstanden werden. Der Mensch sei herausgefordert, in seinem ICH so tätig zu werden, dass er beurteilen und entscheiden kann, wann mehr die Emotion leitend wirken darf und wann mehr die Form der Askese. Dadurch entstehen die Entscheidungsfreiheit, Gewissensfreiheit und Meinungsfreiheit in Zusammenhang mit Eigenverantwortung – aus dem ICH. So können spirituelle Fortschritte auf allen Gebieten gemacht werden, denn es gibt keine Vorschrift, dass nur Yoga diese Fortschritte auf spiritueller Ebene einleitet.

Das Ich als Ausgangspunkt für das Yoga-Üben und die Bedeutung eines seelischen Inhalts

Das ICH wird gefühlt durch das ICH-WILL. Daraus können wir ableiten, dass in der Yoga-Praxis der Ausgangspunkt für das Üben das ICH mit seinem Bewusstsein ist. Durch das eigene Wollen werden die Übungen authentisch gestaltet und nicht nur aus einem Buch „nachgemacht“.

Beim Praktizieren der Yogastellungen (asana), war zu erkennen, dass die vorbereitende Vorstellungsbildung zu einem seelischen Inhalt der einzelnen Stellungen das Interesse weckt und dadurch aus einem inneren Willen heraus eine Motivation entsteht, die die Bewegungen viel leichter werden lässt.

Ein seelischer Inhalt für das Üben des Sonnengebet war die Vorstellung, dass es ein Zentrum und eine Peripherie gibt. Diese Vorstellung, dass wir von außen, aus der Weite kommend, den Willen im 3. Zentrum sammeln, in die Mitte der Wirbelsäule zentrieren und dann in die Bewegung nach außen weiterführen, erzeugte eine dynamische und leichtere Bewegung wieder in die Weite hinaus. Über diese Bewusstseinsarbeit konnte das 3. Zentrum als aktiver Willenspol empfunden werden. Weil auch der Atem im freien Rhythmus fließen konnte, konnte die gesamte Bewegung und Ausdehnung freier erlebt werden. Im Vergleich dazu würde ein zwanghaftes Üben mit Leistungsdruck und Perfektionismus in ein gegenteiliges Empfinden führen. Das ICH-WILL wäre dann mehr vom EGO geprägt und die Motivation an äußere Formen gebunden.

Auch bei den weiteren Yoga-Übungen, die praktiziert wurden, (Stellung des Pflug, Stellung des Schulterstand, Kopf-Knie-Stellung, Schiefe Ebene) wurde deutlich, welche Motivation von einem klaren Gedanken- oder Seeleninhalt ausgeht.

In Verbindung mit dieser Praxis-Einheit konnten die Anwesenden leicht eine erste Vorstellung dazu entwickeln, dass ein seelisches Empfinden und der Gedanke von außen kommen und dass diese sich niemals erschöpfen. Wenn wir Wahrheitsgedanken aufgreifen und denken lernen, so besteht niemals die Gefahr, dass diese einmal versiegen. So wie der Mond das Sonnenlicht reflektiert, so reflektiert das Gehirn den Gedanken. Der Mensch sollte eigenständig aus seiner Ich-Aktivität heraus den Gedanken noch einmal denken lernen, damit dieser hineinfindet ins Leben. Auf diese Weise spürt der Mensch sein Bewusstsein und dass dieses Bewusstsein nicht nur auf den Körper begrenzt ist.

Ich-Stärkung und Ich-Aufgabe

Das christliche ICH stärkt sich, wenn der Mensch sich in einer Sache gründet und eigenständig um die geistige Erkenntnis ringt und diese schließlich auch in die Erfahrung kommt. Geistige Inhalte können formuliert werden und eine Beschreibung erhalten. Heinz Grill sagte, dass die Erkenntnis zu einem geistigen Inhalt wie die Schlüsselübergabe zum geistigen Reich ist und las kurz die Textstelle „Die Schlüsselübergabe“, im Evangelium, Matthäus 26 vor. Er wies darauf hin dass sich jeder Einzelne die Freiheit nehmen sollte, selbst zu ergründen und um Erkenntnis zu ringen. Das Gegenteil dazu wäre ein passives Verhalten, bei dem Glaubensbekenntnisse und Gebete ohne eigenständige Erkenntnissuche gesprochen werden. Das „Eins-Sein-Gefühl“, welches durch dieses passive Verhalten entstehen kann, begünstige das „Auflösen des Ich“, und er betonte, dass diese Ich-Aufgabe um einer kosmischen Einheit willen für ein gesundes Leib-Seele-Verhältnis und dessen Entwicklung nicht geeignet ist.

Ich-Aktivität und die Taufe in der heutigen Zeit

Es stellte sich die Frage: „Wie tritt ein gesundes Ich in den Dialog?“ und es konnte festgestellt werden, dass wenn der Mensch eine Sache, einen Gedanken gut durchdrungen hat, er dann auch authentisch ins Außen gehen kann, ohne autoritär auftreten zu müssen. Durch das Interesse entsteht eine ganz natürliche Lebendigkeit. Erarbeitet sich der Mensch die Fähigkeit, die Konzentration zu einer Sache oder einem Gedanken zu halten, wird das Bewusstsein frei vom Körper und so wird er auch Einblicke in die geheimnisvolle geistige Ebene erhalten. Das ist aber keine mystische Versenkung, sondern erfolgt durch die Organisationskraft des ICH. Dies bezeichnete Heinz Grill als die Taufe in der heutigen Zeit. Es bedeutet nicht ein Auslöschen der Bewusstseinskräfte und des Ich, sondern ein Weiterführen des Gedankens in der Konzentration, bis das Bewusstsein frei ist vom Körper und das ICH selbst die Ich-Kräfte steuert. Früher wurde bei der Taufe der Mensch so lange untergetaucht, bis das Bewusstsein sich aus dem Körper löste und eine Nahtoderfahrung auslöste. Für die Taufe mussten sich die Menschen reinigen mit verschiedenen asketischen Handlungen. Nach der Taufe war jedoch das Bewusstsein nicht mehr steuerungsfähig, weil die Bewusstseinskräfte und das Ich ausgelöscht waren.

Freiheit vom Körper und das Karma

Frei werden vom Körper bedeutet, sich zu lösen von karmischen (aus früheren Leben herrührenden) Bindungen und Versuchungen. In der Psychose beispielsweise ist der Mensch in starker Abhängigkeit, er ist verstrickt in Verblendungen und denkt aus seinem Innersten, aus seinen Organen aufsteigenden Kräftewirkungen heraus. Er sieht Dinge, die für andere nicht sichtbar sind. Ein Bild tritt in das Bewusstsein, wird gesehen und für wirklich gehalten. (Ein Mensch, der an einer Psychose leidet, darf nicht meditieren oder Yogaübungen gestalten.) Die aufsteigenden Kräfte aus dem Körper sollten nicht das Bewusstsein bestimmen und die Führung übernehmen. Das bedeutet aber nicht, dass der Mensch den Körper bekämpfen soll.

Ein Weg von oben nach unten

Die richtige Beobachtung macht offen nach außen und zentriert gleichzeitig nach innen. Das Verhältnis von Ich, Bewusstsein, Lebenskräften und Körper stellte Heinz Grill folgendermaßen dar:

Das Ich organisiert das Bewusstsein
Das Bewusstsein organisiert die Lebenskräfte
Die Lebenskräfte organisieren den Körper

Dies ist ein Weg von oben nach unten wirkend, also vom Ich ausgehend auf das Bewusstsein, die Lebenskräfte und den Körper. Das Bewusstsein wird sensibler, die Lebenskräfte freier und der Körper gestärkt. Das Gegenteil wäre, wenn der Körper die Lebenskräfte organisiert und diese auf das Bewusstsein bestimmend wirken und dieses das Ich dominiert und damit schwächt.

Spiritualität als eigenaktiver, konkreter Weg zur Selbsterlösung

Die Spiritualität muss vom Menschen eigenaktiv gesteuert werden, er muss sich der geistigen Welt eigenaktiv annähern und nicht in passiver Weise nur Methoden anwenden oder sich in Einrichtungen und Institutionen flüchten. Mit dieser Yogapraxis des „Yoga aus der Reinheit der Seele“, wie er von Heinz Grill begründet wurde, kann der Einzelne das Leben organisieren lernen und mit einem gesunden Wollen Ziele setzen. Begleitet ein tiefes Interesse das Wollen, dann fügt sich auch eine gewisse Leichtigkeit hinzu. Zwänge wirken immer hinderlich und schwächend. Dabei ist es wichtig, dass die Ziele konkretisiert werden und nicht nur das Ergebnis in die Vorstellung kommt. Der gesamte Weg muss gedacht werden. So wäre es beispielsweise wichtig sich zu überlegen, welche praktischen Ansätze notwendig sind für das Ziel, als Yogalehrer aufbauend im Yogaunterricht zu wirken oder welche praktischen Schritte erforderlich sind, wenn man Liebe ausstrahlen möchte. Dieser Yoga beschreibt eine Erkenntnisschulung durch die Ich-Aktivität und führt in der beschriebenen Weise zur Selbsterlösung.