Welche Bedeutung hat die Konzentration, wie entsteht sie und was ist das Gegenbild zur Konzentration?

Studientag am 15. Juli 2017
zusammengefasst von Ilona Kramhöller, Beschreibung der Yogaübung von Sandra Hees, praktische Ergänzung von Antonie Gumpinger

Die anwesenden Personen bekundeten ein Interesse einerseits in eine wirkliche Wahrnehmung zu kommen, die objektiver Natur ist, und andererseits die Unterscheidungsfähigkeit zwischen subjektiver und objektiver Wahrnehmung zu schulen. Daraus entstand die Fragestellung: „Welche Bedeutung hat die Konzentration, wie entsteht sie, wie kann sie gehalten werden und was ist das Gegenbild zur Konzentration?“

Sehr konkret stellte Heinz Grill das Wort „Konzentration“ zu einer ersten Anschauungsbildung in den Raum: Die Konzentration ist eine Zentrierung, eine Absonderung, ein Herauslösen und bildet so das Gegenteil einer Vermischung.“ Durch die Konzentration wird etwas wirklich sichtbar und das eigentliche, reine Wesen kann herausgearbeitet werden. Zur weiteren Vorstellungsbildung formulierte er folgendes Beispiel: „Die Milch besteht aus unterschiedlichen Substanzen in verschiedenen prozentualen Anteilen. Durch einen zentrifugalen Vorgang entstehen gesonderte reine Konzentrate wie Butter, Molke und Quark. Die Milch wie wir sie kennen ist eine Vermischung von unterschiedlichen Substanzen. Das Herauslösen dieser Substanzen bringt Klarheit darüber, woraus die Milch besteht und wie sie auf die Stoffwechselregion des Menschen wirken kann. In der Konzentration lebt die Klarheit und in der Vermischung das Unklare und Trübe.

Heinz Grill führte aus, dass die Konzentration ein Objekt, ein Gegenüber braucht. Für die Anwesenden wurde mit der Aufforderung, sich aufrecht hinzusetzen und zu meditieren, auf einfache Weise deutlich, wie dies zu verstehen war. Für einen kurzen Moment entstand eine Unsicherheit, bis jeder Teilnehmer sich selbst einen Gedanken oder ein Objekt suchte und beispielsweise den Atem beobachtete oder das Grün der Pflanzen auf dem Feld. Die Konzentrationsarbeit konnte beginnen, indem eine Absonderung, ein Separieren von den Dingen erfolgte, die nicht zur Sache, zum Gedanken gehörten. Dieses Subtrahieren sorgte für ein Aufspalten von Vermischungen im Denken, Fühlen und Wollen. Diese Dreigliederung schafft Klarheit, weil das Denken konkreter, das Fühlen objektiver und schließlich der Willen zielgerichtet eingesetzt werden kann. Eine gewisse Ruhe und Ordnung entstand dadurch für jeden Einzelnen.

Heinz Grill konkretisierte weiter: „Die Konzentration ist eine reine Wahrnehmung im Sinne einer gedankenorientierten Aufmerksamkeit.“ Subjektive Gefühle sollten nicht auf eine Sache projiziert werden und die eigenen Körpergefühle und Körperenergien dabei nicht den Mittelpunkt bilden, denn sonst würde eine Vermischung entstehen, die im alltäglichen Leben aber meist vorhanden ist. Die Vermischung sei immer da, die Konzentration muss der Mensch selbst herstellen. So kann man sagen, dass die Unklarheit automatisch vorhanden ist, aber die Klarheit erarbeitet werden muss. Die Fähigkeit, die Projizierungen von den wirklichen Wahrnehmungen zu unterscheiden, muss der Mensch schulen. Leider nimmt der Mensch sich nicht mehr die Zeit richtig und länger hinzuschauen. Stattdessen greift er auf Erfahrungen zurück, indem er beispielsweise das Grün aus der Erinnerung heraus denkt und nicht aus der gegenwärtigen Wahrnehmung. Die gegenwärtige Vorstellungsbildung, so Heinz Grill, wird zur „werkschaffenden“ Tätigkeit innerhalb der Konzentrationsarbeit.

Das Üben der Yogastellungen und die Konzentration

Durch die mehrmalige Ausführung der Übung „Zehenspitzenstellung“ mit verschiedenen Fragestellungen und Anleitungen von Heinz Grill wurde die Bedeutung der Konzentration für die Körperübungen des Yoga deutlich. Es wurde neben der körperlichen Anleitung vor allem das Thema auf die Augen gelenkt. Wie wirken die Augen auf die Konzentration? Sie geben einen Halt im Raum und sie wirken gestaltend. Die Augen dürfen sich nicht zerstreuen. Sie kommen zur Ruhe, wenn sie sich nicht bewegen. In den Augen ist alles enthalten im Sinnesprozess: die Gedanken, Gefühle und der Wille (meist jedoch unbewusst). Damit diese sogenannten Seelenkräfte aber geschult werden können, brauchen wir einen Gedanken und die Vorstellungsbildung. Beispielsweise wenn man auf die Tafel blickt und die Schrift verstehen möchte, braucht man klare Gedanken.

In der Zehenspitzenstellung wird mit den Augen die Konzentration geschult. Die Bewegungsrichtung ist dabei von außen nach innen. Nach außen ist es eine Art Raumorientierung, nach innen konzentriert zum Herzzentrum, zur Brustregion, arbeiten sie am Gleichgewicht. Die Augen sind frei vom Willen, sie schauen nur, sie ergreifen nicht ein Objekt. Das Auge wird zur Raumorientierung eingesetzt und nicht zum Sehen.

Im Yoga nennt man dies „ahimsa“ – sehen, wahrnehmen, nicht ergreifen, nicht emotionalisieren. Als Ergebnis wurden die Eindrücke und entstandenen Gefühle aus der Zehenspitzenstellung zusammengetragen: Es ist ein geordnetes Gefühl der Gegenwärtigkeit entstanden. Weiterhin wird auch das Gefühl für Gleichgewicht gefördert.

Durch die Konzentration innerhalb der Yogapraxis arbeitet der Mensch gegen die Gefahr ganz bei sich, im Subjektiven zu bleiben. Allgemein konnte beobachtet werden dass der Yoga zum Subjektiven neigt, wenn er ohne Konzentrationsgedanken bleibt. Deshalb sieht Heinz Grill die Schulung einer Objektivität in der Yogapraxis als sehr wichtig an, damit klare Formen im Ausdruck der Übung, asana, entstehen. Innerhalb der Konzentration kann sich der Einzelne darin schulen, beispielsweise mit den Augen das Schöne der Übung zu sehen, aber sie nicht mit Emotionen zu belegen und sie willentlich haben oder ergreifen zu wollen. Es wurde deutlich, dass es für ein wirkliches Erkennen einer konkreten Anschauung bedarf.

Die Bedeutung der Konzentration für die Ich-Stärkung

Heinz Grill wies bei diesem Vorgang auf das Sanskritwort ahimsa hin, das mit gewaltfrei, nicht ergreifen, wahrnehmen, sehen, nicht emotionalisieren, übersetzt werden kann. So bleibt die Konzentration eine Form des „In-Beziehung-Tretens“ ohne Ergreifen, bei der Subjektives verwehrt und ein Schwelgen in Körperenergien unterbunden wird. Es wurde herausgearbeitet, dass im Gefühlsleben, im Gefühl selbst, eine große Kraft steckt. Werden aber subjektive Gefühle ständig vermehrt, wie dies beispielsweise durch die Werbung der Fall ist oder durch Manipulationen in Politik und Wirtschaft, so entstehen schwächende Kräfte. Werden hingegen objektive Gefühle geschult, so bilden diese eine große ordnende Kraftsubstanz. In diesem Sinne konnte Yoga als eine Herausforderung verstanden werden, sich mit dem Körper auseinander zu setzen und einen Gedanken, den Inhalt der Übung in eine Form zu bringen.

Als Folge kann beobachtet werden, wie sich daraus eine ICH-Stärkung ergibt. Stellt sich der Mensch nicht dieser Herausforderung im Yoga, sondern konsumiert ihn im Sinne eines Benutzens, wirkt es eher ICH-schwächend. Indem ein Inhalt in den Vordergrund gestellt wird, hat der Übende in der Yogaübung ein Gegenüber und ist konzentriert am Arbeiten. Das Bewusstsein arbeitet am Körper und die Konzentration steigt. Das Körperliche wird mehr zum Körperlichen und damit freier. Das Bewusstsein wird als Bewusstsein wahrnehmbar und wird ebenfalls freier. Heinz Grill beschrieb sehr anschaulich, wie das ICH durch eine objektive Gegenüberstellung zu einer Sache wächst. Als Wesen der Konzentration nannte er die Aktivität, die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Ohne Aufmerksamkeit kann der Mensch nicht ruhig werden und die Übung nicht mit dem Gedanken in einer bestimmten Richtung wahrnehmen.

Es stellte sich noch die Frage, was sowohl geistig als auch körperlich geschieht, wenn der Übende in der Yogaübung versinkt? Es wurde deutlich, dass der Bezug nach Außen, zur Wirklichkeit verloren geht und auch eine klare Selbstwahrnehmung sich verliert und daraus eine Schwächung des ICH erwächst. Konzentration bedeutet eine ICH-Aktivität und da das ICH mit der Wärme korrespondiert, wird mit dem Eingreifen des ICH Wärme produziert.

Heinz Grill führte das Thema weiter, indem er darstellte, dass die Konzentration die Fähigkeit besitzt, das Licht vom Schatten zu trennen. Der Mensch wird lichter, wenn er im Gedanken frei gegründet ist und er wird dunkel, wenn er sich beispielsweise in der Gier, die aus dem Stoffwechsel aufsteigt, befindet. Die Konzentration beginnt im klaren Gedanken, hell und licht. Die Betrachtung ist ein lichter Prozess, solange der Wille nicht das Objekt ergreifen möchte. So erzeugt die Gier auf eine Sache ein dunkles Bild, da die Wirklichkeit nicht mehr gesehen wird innerhalb eines „gierigen Verhaltens“.

Mit der Konzentrationsarbeit werden die drei Seelenkräfte des Menschen geschult, das Denken, das Fühlen und das Wollen. Es wird ein Denken geschult, das vorher noch nicht vorhanden war, nämlich das Denken zu einem konkreten Gedanken, zu einem Ideal hin. Das Fühlen entspricht wahren Empfindungen. Der Wille wird geschult einerseits im Zurückhalten und andererseits für ein gezieltes klares Ergreifen und Handeln. In diesem Sinne kann der Mensch einen Gedanken denken und ihn zum Ideal erschaffen und somit werkschaffend ins Leben führen. Nur was der Mensch denken lernt kommt in die Geburt. Was der Mensch nicht denkt entsteht auch nicht. Es wurde deutlich, dass dies auch für die Meditation sehr wesentlich ist, indem der Übende das Denken denken lernt und ein Ideal gedanklich erschafft. Für die Meditation benötigt der Mensch die Fähigkeit zur Konzentration.

Ergänzende Darstellung zur praktischen Umsetzung der Konzentration

Zur Veranschaulichung des Begriffes Konzentration schilderte Heinz Grill eine Metapher mit der Milch. Die Milch ist eine weißliche Flüssigkeit. In dieser befinden sich verschiedene Substanzen, wie das Wasser, die Kohlenhydrate, das Eiweiß, das Fett, die Mineralstoffe und Vitamine. Es gibt die Möglichkeit, eine gewünschte Substanz heraus zu sondern, z. B. das Fett bei der Butterherstellung durch Zentrifugation. Wenn eine reine Substanz extrahiert wird, kann man diese messen, z.B. bei der Milch 3,5% Fett. Die anderen Substanzen werden abgesondert.

Durch diesen Vergleich wurde nun den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben, diesen auf den Menschen zu übertragen. Beim Menschen besteht auch ein Konglomerat, ein Konglomerat aus Gedanken, Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen und Handlungen. Dieses Konglomerat besteht aus seelischen Kräften, in der Metapher wäre dies die Milch. Nun könnte man eine seelische Kraft heraus sondern und sich nur mal auf die Gedanken konzentrieren, auf die seelische Kraft des „Denkens“.

Am Beispiel einer Ausführung einer asana kann dies veranschaulicht werden, z. B. beim Schulterstand, sarvangasana.

Bevor die Übung ausgeführt wird, kann nun eine Vorstellung dieser asana getätigt werden. Das Bild des Aufrichtens aus der Mitte des Brustkorbes kann nun erst vollständig gedacht, sich vorgestellt werden, bevor man in die Stellung hineingeht. Dieser Gedanke wird eine Zeitlang gedacht. Eine Teilnehmerin ging in die Umkehrhaltung und hatte die Beine noch nicht ganz in der aufgerichteten Position. Sie verweilte eine Zeitlang und bewahrte den Gedanken „das Aufrichten aus der Mitte des Brustkorbes“. Es wird die seelische Kraft des Denkens heraus gesondert. Erst nach wenigen Minuten wurde dann die vollständige Stellung ausgeführt, was dann die seelische Kraft des Willens ist. Durch die Vorstellung entsteht der Wunsch, diese Vorstellung auch praktisch auszuführen. Am Ende können dann auch Gefühle, Empfindungen wahrgenommen werden, z. B. die Empfindung des umgekehrten aufgerichteten Körpers.

Gefühle, die bei der Ausführung kommen können, sollten mehr zurückweichen, auch der Wille, die Stellung auszuführen, sollte zunächst zurücktreten, damit nur der Gedanke im Vordergrund ist, der Gedanke des Aufrichtens aus der Mitte des Brustkorbes.