Menschenbild

So wie die Yogarichtungen verschieden sind, die Konfessionen oder die zahlreichen Lehren auf den Gebieten des Lebens, wie beispielsweise der Ernährung, so verschieden sind auch die Bilder des Menschen oder des Menschseins, die hinter diesen Erscheinungsformen stehen.

Das Menschenbild beschreibt die Vorstellung, die jemand vom Wesen und der Bestimmung des Menschen hat. Dieses wandelt sich mit den Entwicklungsepochen der Menschheit und war in der Antike mit ihren vielen Göttern, mit denen die Menschen rege verkehrten, völlig anders, als in unserer heutigen Zeit. Es existieren aber auch zur selben Zeit verschiedenste Menschenbilder nebeneinander. Betrachtet man diese, so eröffnen sie einen konkreten Einblick, wie der Mensch in seinen Entwicklungsmöglichkeiten und seinem Darinstehen im Kosmos gesehen wird.

Wie stellt sich nun das Menschenbild des Neuen Yogawillen dar, welcher vor etwa 30 Jahren von Heinz Grill begründet wurde? Wie ist das etwa 1100 Jahre alte Menschenbild der Katholischen Kirche, innerhalb deren christlicher Tradition wir leben und von dem wir über die Jahrhunderte hinweg eine sehr starke innere Prägung erhalten haben? Welches Bild des Menschen finden wir im Hatha-Yoga, welcher mit seiner vorrangig auf Reinigungs- und Körperübungen bezogenen Praxis vor etwa 700 Jahren entstanden ist und auf die 5000 Jahre alte Yogakultur des Ostens zurückgeht, und verglichen mit den sehr umfassenden Yogapfaden des Bhakti-, Jnana- und Karmayoga die größere Bekanntheit im Westen besitzt?

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Yogin, der in der Meditation mit dem göttlichen Licht verschmilzt. © siehe unten

Im klassischen Bild des Yogin, der im Lotussitz in der Meditation verweilt, drückt sich das Ideal des Hatha-Yoga aus: der Mensch vereint in der Erleuchtung mit dem Göttlichen. Das höchste Ziel aller Bemühungen liegt darin, in der wahren göttlich-geistigen Dimension aufzugehen, in einer überbewussten Erfahrung, die Glückseligkeit ist. Der Körper und die irdische Materie gehören der Welt der Illusion, maya an. Die verloren gegangene Verbindung zum Kosmos, die das eigentliche Leben darstellt, soll wieder erfahren werden.

Im Westen finden sich unter dem Begriff des Hatha-Yoga verschiedenste Arten des Yoga, wie Sivananda-Yoga, Ashtanga-Yoga, Iyengar-Yoga, Luna-Yoga, Kundalini-Yoga und viele andere. Der entscheidende Ansatz einerseits für eine spirituelle Erweiterung des Bewusstseins und andererseits vor allem für gesundheitliche Verbesserungen liegt in den Körperübungen, asanas und in den Atemübungen pranayama. Sie wirken auf die alles umfassende Lebensenergie, prana ein.

Mit den asana und ihren jeweiligen Bewegungsrichtungen wirkt der Yogin auf die Organe, Drüsen und den gesamten Stoffwechsel stimulierend ein und bringt das prana ins Fließen. Bis in das seelische Befinden spürbare, energetische und aufbauende Wirkungen fördern auch die mentale Wachheit. Sukadev Bretz schreibt: „Bei sehr intensivem Üben kommt es zu einer Erweiterung des Bewusstseins, welche ein Schritt zum höchsten Ziel im Yoga führen kann: der Vereinigung mit dem wahren Selbst.“1 Über die Atemtechniken des pranayama, tritt der Yogin für einige Zeit aus alten, ihn determinierenden innerleiblichen Rhythmen herauszutreten und kontrolliert das prana. Der unruhige Geist beginnt zu schweigen und gesundheitlicher Aufbau, Ausgeglichenheit, Konzentration und starke Innenzentrierung werden spürbar. Die göttlichen Energien sollen zum Fließen und Aufsteigen gebracht werden und das Bewusstsein transzendieren. Mit Bewegungen und Atmung wirkt der Yogin auf seinen Körper und erweckt das prana, um den Moment des glückseligen Einssein im Göttlichen zu erlangen.

Giordano Bruno, ein italienischer Priester, Dichter, Philosoph und Astronom vor dem Inquisitionsgericht vor seiner Verbrennung, da er über das kirchliche Menschenbild hinausgehend unabhängig den Kosmos erforschte und den Weltenraum als unendlich ansah und damit dem Bild des Jüngsten Gericht widersprach.

Historisierendes Relief von Ettore Ferrari (1848–1929). Giordano Bruno, ein italienischer Priester, Dichter, Philosoph und Astronom vor dem Inquisitionsgericht vor seiner Verbrennung, da er über das kirchliche Menschenbild hinausgehend unabhängig den Kosmos erforschte und den Weltenraum als unendlich ansah und damit dem Bild des Jüngsten Gericht widersprach.

Das Bild des Menschen, wie es in der Katholischen Kirche besteht, geht entscheidend auf das Vierte Konzil von Konstantinopel, 869/70 n. Chr. zurück. Es wurde in den Dogmen festgeschrieben, dass dem Menschen nur eine vergängliche Seele eigen ist. „Die … Zwei-Seelen-Lehre, gemäß der dem Menschen eine höhere, unsterbliche Geist-Seele und eine irdische, vergängliche Seele eigen sind, wurde mit dem Bannfluch belegt.“2 Ohne einen geistigen Teil der Seele, mit der ihr ewiges Leben eigen ist, bedurfte sie nun der Gnade durch die Sakramente der Kirche, damit sie ewiges Leben erlangen kann. Diese lebt in Christus und kann nur durch die Nachfolge zu ihm über den Papst, die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe bis zu den Priestern weiter gegeben werden. In der Weihe erhalten diese die Befähigung den Gläubigen die Gnade durch die Sakramente zuteil werden zu lassen, damit sie nach dem Tode ewiges Leben erlangen.

Ohne das vom Priester gespendete Sakrament bleibt der Einzelne ausgeschlossen aus der Vereinigung mit Christus im Glauben. Als rein seelisches Wesen, ohne geistigen Teil, steht er in einer konkreten Abhängigkeit zum Priester. Dieser nimmt für ihn die Rolle einer unerlässlichen Instanz, vergleichbar einem Guru ein, ohne den ein Leben in christlicher Geistigkeit und eine Erlösung nicht möglich sind. Aus sich heraus, ohne den Priester, hat der einzelne Mensch keine Möglichkeit in die Verbindung mit Christus zu gelangen. Er bleibt Zeit seines Lebens in seiner Glaubensausübung abhängig von dem Kraft seiner Weihe in der Wahrheit und Gnade stehenden Priester und den von ihm gespendeten Sakramenten.

Aber auch mit den erhaltenen Sakramenten bleibt der Einzelne Gefangener in der irdischen Welt und hat keine Möglichkeit durch Erkenntnis zum Geistigen aufzusteigen, denn die Erlösung tritt erst nach dem Tode ein. Professor Walter Kardinal Kasper drückt dieses Bild des Menschen mit folgenden Worten aus: Der Mensch wird „…übermächtigt von den eigenen Trieben, von der Umwelt und ihren Einflüssen, wird bestimmt von der persönlichen wie gemeinschaftlichen Schuldgeschichte. Man kommt sozusagen nicht daraus, aus sich heraus und aus dieser Geschichte heraus. Man zielt auf ein Unbedingtes und bleibt doch letztlich bedingt. Auch Gott bleibt mir letztendlich verborgen.“3 Obwohl der Einzelne dies nicht will und wir alle gut sein möchten, „schaffen wir es nicht.“4 Der Mensch muss sich um ein gutes Leben bemühen, aber er bleibt ohne Erkenntnis des Geistigen und unausweichlich im Irdischen gefangen, in der Hoffnung auf die Erlösung im jüngsten Gericht.

Über den klar geführten Gedanken-Sinnes-Prozess entwickelt sich ein geistiges Schauen und der Praktizierende erschafft dabei neue Lebenskräfte für sein gesamtes Umfeld.

Über den klar geführten Gedanken-Sinnes-Prozess entwickelt sich ein geistiges Schauen und der Praktizierende erschafft dabei neue Lebenskräfte für sein gesamtes Umfeld.

Der Neue Yogawille gründet sich auf einem viergliedrigen Bild des Menschen. Gemäß diesem trägt jeder Mensch einen physischen Leib, mit dem er Teil der irdischen Welt ist. Des weiteren besitzt er einen Lebensleib, auch Ätherleib genannt, in dem alle Lebenskräfte und lebensvollen Vorgänge zur Erhaltung des Körpers und des Bewusstseins stattfinden. Als Drittes ist ihm ein Empfindungsleib oder Astralleib genannt eigen, welcher Träger aller Gefühle, Stimmungen und bewussten Vorgänge ist. Denken, Fühlen und der Wille, welche auch als Kräfte der Seele bezeichnet werden, sind diesem dritten menschlichen Glied zugerechnet. Und schließlich besitzt er ein viertes Wesensglied, das Ich, in welchem die Verbindung zur christlich-geistigen Dimension liegt. Durch die Begabung mit einem Ich ist er Teil der geistigen und der irdischen Welt zugleich und er ist zur Erkenntniss der geistigen Gesetze fähig und kann das irdische Leben im Sinne des Geistigen verwandeln.

Es bedarf keiner Sukzession von einem Lehrer oder Guru zum Aspiranten, keiner Weihe oder Energieübertragung und auch keiner Gemeinschaft, der man beitritt. Der Lernansatz ist durch die Ich-Prägung individuell und liegt in der Bewusstseinsaktivität des Einzelnen. Der Interessierte trägt in sich die Kraft und den Impuls, auf geistige Quellen, wie etwa die Evangelien, die Bhagavad Gita oder andere Schriften von geistigen Lehrern zuzugehen und studiert diese auf eigenständige Weise. Er erforscht die gelesenen Gedanken wie beispielsweise die Qualitäten eines entwickelten Herzzentrums, das Wirken der Eucharistie oder die geistigen Vorgänge in der Weihe des Priesters. Der Aspirant tritt zu den geistigen Gesetzen auf konkrete Weise in Beziehung und lernt, sie selbst anzuwenden. Er schult seine Seelenkräfte, welche über Monate und Jahre hinweg zu brauchbaren Werkzeugen der Geisterkenntnis und der Lebensgestaltung werden.

Heinz Grill schreibt über den Neuen Yogawillen: „Das vielseitige Gebilde aus Gedanken und praktischen Übungen ist ein Studienfach für die mentale Bewusstseinsentfaltung und fördert die Erkraftung des empfindsamen Seelenlebens. Der Yoga, … wie er hier praktiziert wird, dient nicht primär einem Weg im Leben, von dem man sich ein Glück erhoffen könnte, er dient als eine Möglichkeit zu einem beginnenden Studium der geistigen Welt und deren Gesetzen. Die Übungen sind für die künstlerische Arbeit, für die eigene, schöpferische Auseinandersetzung und für die Weiterentwicklung von Fähigkeiten, die ein Interesse für das gesamte moralische und soziale Leben geben, konzipiert.“5

Eigene Schwächen bilden kein Hindernis für eine Entwicklung, weil der Ansatz in Gedanken und Idealen liegt, die frei sind von persönlichen Bindungen und Beschwernissen und denen sich der Aspirant in jeder Lebenssituation, auch in Krankheit und Leiden hinwenden kann. Geistige Gedanken verwirklichen sich im Ich des einzelnen Menschen und strahlen aus ihm wieder nach außen. Obwohl der Praktizierende in der Authentizität des Lehrers verwirklichten geistigen Gedanken begegnet, ist es ein eigenaktiver Weg einer religiösen Erkenntnissuche und Praxis, der nur von dem Einzelnen selbst beschritten und nicht von einem Lehrer abgenommen werden kann. Geistige Fähigkeiten bleiben nicht dem Lehrer vorbehalten, sondern der Einzelne erringt sie in ganzer Weise selbst.

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Der indische sadhu ersehnt nichts mehr als eins zu sein in Gott und deshalb tritt er aus dem irdischen Leben heraus und entsagt Allem.

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Fließende Formen, die nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten berechnet sind und in Beziehung zueinander stehen, wirken aufbauend auf die Lebenskräfte des Menschen. Diese geistige Erkenntnis ist bis in die Materie hinein ausgestaltet. (Raum im Spazio d’Incontro in Tenno, Italien)*

Mit dieser kurzen Skizzierung dreier sehr unterschiedlicher Menschenbilder erscheinen unterschiedliche religiöse Ansätze und Beziehungsverhältnisse verständlicher.
Der indischen Yogakultur liegt das Bild des erleuchteten Menschen zugrunde, der aus dem materiellen Leben heraustritt, sich von allem Irdischen losgelöst hat und in eine jenseitige geistige Welt der Glückseligkeit eintritt. Deshalb gilt der indische Wandermönch, sadhu, der allen irdischen Bindungen an Besitz und Familie entsagt und in Yoga, Meditation und Askese nach Gottverwirklichung strebt, als Heiliger.
Nach dem katholischen Dogma kann der Gläubige nur über das physische Dasein nachdenken und bleibt Zeit seines Lebens an die materielle Welt gekettet. Er besitzt nicht die Fähigkeit, sich der göttlichen Welt eigenständig anzunähern, sondern bedarf der Gnade der Erlösung, die ihm durch die Gemeinschaft der Hl. Kirche nach dem Tode zuteil wird. Versucht er dies eigenständig, versündigt er sich.
Im Neuen Yogawillen trägt der Mensch ein Ich und mit diesem die Möglichkeit Geist und Welt im Leben zu verbinden. Mit seinen drei Seelenkräften ist er zur Geisterkenntnis fähig und gestaltet gleichermaßen eine Beziehung zu der geistigen und der irdischen Welt aus. Für eine Synthese geht er tiefer in das praktische Leben hinein, vergeistigt dieses und wird in seinem Ich irdischer und geistiger Bürger zugleich.

 

1 Yoga Vidya 
2 Wikipedia 
3 Professor Walter Kardinal Kasper, Samstag, 16. Februar 2008
4 ebd.

5 Heinz Grill, „Ein Neuer Yogawille“, S. 9
* Hausführung durch das Spazio d’Incontro, Bild: © Ruurd Pieters
© Pradeep Kumar, Nadyoga-School