Wege aus der Erschöpfung und die Bedeutung des freien Atems

Studientag am 9. Juli 2016
zusammengefasst von Ilona Kramhöller

Als Thema für diesen Studientag wurde die Frage „Welcher Weg führt aus der Erschöpfung und welche Wirkungen hat ein freier Atem bzw. wie kann ein freier Atem entstehen und gefühlt werden?“ gewählt.

Die Erschöpfung ist ein weit verbreiteter Zustand, der meist erst realisiert wird, wenn der Körper streikt und eine willentliche Antriebskraft fehlt oder Unruhe und Anspannung sich nicht mehr lösen können.

Beim gemeinsamen Herausarbeiten des Themas beschrieb Heinz Grill folgenden Zusammenhang: Ruhe, Entspannung und Aufbau im seelischen und körperlichen Bereich in Verbindung mit Tatkraft und Gestaltungskraft mit nachhaltiger Wirkung entstehen nicht, indem der Mensch sich zurückzieht, sich in Methoden und Techniken flüchtet, die kurzfristig zur Erholung führen. Im Gegenteil, durch eine rechte Beziehungsaufnahme zu äußeren Situationen, Ereignissen, Objekten und Gedanken werden ein nachhaltiger Aufbau und eine Stärkung eingeleitet.

Diese Beziehungsaufnahme erfolgt in einer Achtsamkeit und Aufmerksamkeit die nicht nur als eine mentale innere Bewusstseinshaltung zu verstehen ist, sondern eine gegenwärtige Beobachtungshandlung mit konkreten Gedanken bedeutet. Diese Handlung bewirkt eine Gegenüberstellung, ein Ich-Du-Bewusstsein und geschieht aus einer Ich-Aktivität heraus. Sie bewirkt dadurch eine Ich-Wahrnehmung, eine Selbstwahrnehmung, die in Zusammenhang steht mit dem Gefühl der inneren Freiheit, und diese Wahrnehmung wirkt einer Erschöpfung immer entgegen. Je mehr das Ich auf diese Weise gestärkt wird, umso stabiler, widerstandsfähiger und ausdauernder wird der Mensch.

Es wurde nun weiter herausgearbeitet, was genau zu einer Ich-Stärkung führt. Heinz Grill stellte dar, dass im Nachtodlichen nur das Geben vorhanden ist bzw. die Wirkungen aus dem „Geben“ der Seele erhalten bleiben. Er beschrieb das Nehmen als eine Illusion, das dem Irdischen anhaftet. In der Spiritualität gebe es nur das Geben. So sollte sich z.B. der Yogapraktizierende fragen: „Was ist entstanden mit der Übung?“ und nicht „Was hat mir die Übung gebracht?“ Der Übende interessiert sich zunächst einmal für den Seeleninhalt einer Übung, er bildet geeignete Vorstellungen darüber aus und auch darüber, in welcher Art und Weise sich dieser Seeleninhalt in der Übung ausformen kann. Durch diese Bereitschaft, ihn kennen zu lernen, in Beziehung zu treten, entwickelt er eine individuelle Aktivität und eine künstlerische Arbeit des Ausgestaltens, die man als gebend bezeichnen kann.

Die wiederholte Hinwendung zu einem Seeleninhalt in offener Bereitschaft und mit Interesse ermöglicht dessen Verwirklichung. Man kann es als eine Konzentrationsarbeit bezeichnen, die den Menschen zunächst von eigenen subjektiven, zu sehr willensbetonten und bewertenden Übergriffen befreit, weil sie auf konkrete Weise auf einen objektiven Gedanken oder Seeleninhalt ausgerichtet ist.

Heinz Grill setzte die Spiritualität in diesem Zusammenhang gleich mit Sozialfähigkeit. Ein Mensch, der sich aus Überzeugung selbstlos einsetzt für die Entwicklung und Förderung der Menschen und seine Fähigkeiten entsprechend aktiviert, ist spirituell tätig, manchmal ohne es zu wissen. So ist die eigenaktive Vorstellungstätigkeit zur Übung außerordentlich wichtig für deren Formung und Ausgestaltung. Das was ich mir „vor-stelle“, kann vom Willen ergriffen werden. Je konkreter die Vorstellung ist, umso klarer und zielgerichteter wird die Umsetzung. Wenn der Übende Fortschritte machen möchte in der Ausgestaltung einer Yogaübung, auch asana genannt, dann ist es hilfreich, eine Übung beschreiben zu können. Es kann nur etwas konkret beschrieben werden, wenn es ausreichend und klar in der Vorstellung vorhanden ist.

Nur auf vitale, rein körperliche Weise zu üben hätte eine begrenzte Wirkung. Der Gedanke und die Vorstellung zur asana wirken auf die Lebenskräfte, auch Ätherkräfte oder Ätherleib genannt. Der Übende arbeitet somit vorbereitend für das Eingreifen und Arbeiten des sogenannten Ätherleibes. Aus diesem Grunde wirkt die Übung auch bereits dann, wenn sie noch nicht vollständig auf physischer Ebene ausführbar ist. Die Beschreibung und Formulierung zu einer asana ist entscheidend, weil die exakte Formulierung eine Vorstellung entstehen lässt und dadurch der Ätherleib vorbereitet wird und die Umsetzung leichter gelingt.

Die Gedanken wirken jedoch auch unmittelbar auf das Atemleben. Heinz Grill beschreibt, wie mit dem Atem eine Dimension gegeben ist, die geistiger Natur ist. Der Atem ist der Vermittler zwischen Seele und Körper. Der Atem möchte freigelassen werden und der Rhythmus des Atems besitzt –sofern er frei wirken darf – eine tragende Kraft, die eine gewisse Leichtigkeit in die irdische Bewegtheit hineintragen kann. Ist das Gedankenleben sehr an subjektive Vorstellungen gebunden und zu sehr nach innen gerichtet, so wird auch der Atem hineingezogen in eine irdische Begrenztheit. Körperlich drückt sich dies sogar in hochgezogenen Schultern aus, die den Brustkorb beengen und einen freien Atemfluss behindern. In extremen Fällen ist auch eine Enge in der Herzregion spürbar.

Heinz Grill formulierte einen interessanten Satz dazu: „So wie der Mensch im Leben zum Atem steht, so ist er auch im Leben, so gestaltet sich das Leben“. Gelingt es dem Menschen, den Atem frei fließen zu lassen, ihn nicht anzuhalten oder zu benutzen bei körperlicher Anstrengung oder intensiver Konzentration, dann ist dies auch wieder im Gedankenleben und Bewusstsein spürbar. Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sind dadurch mehr beobachtend und nicht so sehr auf den Körper fixiert. Die körperliche Bewegung wird leichter und die Konzentrationsarbeit kann gehalten werden.

Damit in der asana-Praxis der Atem leichter und freier fließen kann, führte Heinz Grill das Thema der Gliederung noch herein. Das Sonnengeflecht oder auch manipura-cakra genannt, ist ein Zentrum, welches sich durch Gliederung und klare Vorstellungen entfalten und aktivieren kann. Die Gliederung wurde an diesem Studientag in allen asanas geübt und die Wirkungen daraus waren gut erkennbar. In trikonasana, der Dreiecksstellung war beispielsweise deutlich ein Loslassen und Leichtwerden des Schultergürtels zu spüren, wenn eine Stabilität im Beckenbereich über Schub der Füße erzeugt wurde. Der mittlere Bereich am Sonnengeflecht konnte infolge dessen zentriert und ergriffen werden in einer Höhe und Weite. Der Atem konnte leichter fließend in der Flankenregion wahrgenommen werden.

In den rückwärtsbeugenden asanas war durch die Gliederung für den Übenden ein weites Raumerleben fühlbar, aber auch der achtsame Zuschauer konnte die Vorgehensweise nachvollziehen und beim bloßen Betrachten sogar ein Fühlen von Weite im eigenen Atem erleben. Eine Ästhetik wurde sichtbar und berührte die Sinne. Auf diese Weise wurde erfahrbar, dass nicht die Perfektion einer Übung die Empfindungen schenkt, sondern die ausgehenden Gedanken und Seeleninhalte. Aus dem Erkennen heraus, dass der Atem schwerelos ist und der Körper eine Schwere besitzt, konnten wir die Notwendigkeit der Gliederung und das Freilassen des Atems ableiten.

Der Gedanke des Gliederns lässt ich auch auf das tägliche Leben übertragen und bewirkt ein aktives Formen und Gestalten. So lassen sich auch die sogenannten Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen gliedern, damit nicht der Wille oder die Gefühle das Denken übertönen und sie sich nicht gegenseitig blockierend ineinander vermischen. Eine Gliederung und Ordnung in den Seelenkräften ist bedeutsam für ein aufgerichtetes, geordnetes und stabiles Ich-Gefühl. Damit kann der Mensch den Widerständen im Leben stabil und geordnet entgegentreten, im gewissen Sinne sogar mit Freude. Denn das ICH stärkt sich durch den Widerstand. Die Selbstkräfte stärken sich im Leben durch Widerstände. Das ICH erbaut sich. In den asanas kann der Yogapraktizierende dies üben, indem er die Widerstände des Körpers spürt und über das Bewusstsein Ausdauer bewahrt und so die Spannungen überwindet. Konflikte fördern und fordern die Kreativität. Dies entspricht dem manipura-cakra sowie auch dem vishudda-cakra, auch als 5. Zentrum bekannt. Das ICH gedeiht.

Weiter beschrieb Heinz Grill, dass die Gliederung im Leben eine wichtige Grundlage für die Beziehungsfähigkeit bildet. Sie wirkt strukturbildend und fördert das Empfinden von mehr Weite und Raum. So wäre es nötig, die Gliederung vor allem in der Kommunikation einzusetzen:
– beispielsweise Sache und Mensch voneinander zu unterscheiden und zu trennen. Bei einer Kritik etwa die Sache bewerten und nicht den Menschen
– oder die Emotion eines Menschen und den Menschen selbst differenzieren
– die Emotion an die richtige Stelle rücken

Er gab ein Beispiel wie in der Kommunikation das Miteinander beziehungsfreudig und angenehm empfunden werden kann. „Wenn wir einer Person gegenübertreten mit der Flanke und nicht frontal mit dem Brustkorb, so wirkt dies recht angenehm und steht in Verbindung mit einer Raumesweite. In der Yogaübung – Das Dreieck trikonasana – rückt auch die Flanke in den Vordergrund und mit ihr wird die Weite im Raum empfunden.“

Am Ende des Studientages konnte in das Bewusstsein rücken, dass alle Bewegungen von außen beginnen. Wird in der asana-Praxis das Räumliche von Anfang an mit einbezogen, so wird wieder das manipura-cakra angesprochen. Der Atem kommt von außen und hat ein freies Dasein. Der Körper kann über eine freie konkrete Vorstellungsbildung und Gliederung, die zunächst im außen und nicht im Körper beginnt, punktgenau mit dem Willen ergriffen werden. Der Mensch fühlt sich in dieser Gegenüberstellung in einer freien Beziehung und dadurch gut positioniert. Das Nervensystem kann sich entspannen und wirkt ordnend im Bewusstsein und dies wirkt stärkend zurück auf die Lebenskräfte. Die Lebens- oder Ätherkräfte arbeiten wiederum aufbauen und heilend am physischen Leib durch diesen Weg von oben nach unten bzw. aus der Weite nach Innen.