Yoga – sozialer Prozess – Spiritualität

Die hier zugrunde liegende Art der Yogapraxis ist nicht Teil des Hatha-Yoga, sie kann aber auch nicht als eine neue Yogarichtung bezeichnet werden. Sie beschreibt vielmehr einen „Sozialen Prozess“ für alle Lebens- und Fachgebiete. Yogapraktizieren in diesem Sinne besteht nicht im Befolgen bestimmter Anweisungen oder eines methodischen Konzepts, sondern geschieht im sozialen Prozess des Zugehens und In-Beziehung-Tretens zu Inhalten, zum Lehrer, zu spirituellen Gedanken, zu anderen Personen und zum jeweiligen Fachgebiet.

Bei allen Übungen, die praktiziert werden, beim Studium von Inhalten und spirituellen Idealen, sowie bei der Auseinandersetzung mit fachkundlichen Themen beispielsweise aus der Pädagogik, Medizin, Ernährung, Bewegungskunst, Architektur oder Kunst bleibt der Übende forschend tätig. Auf diese Weise werden etwa die Körperübungen des Yoga nicht zur Routine, weil sich die zugehörige Seelenqualität immer tiefer ergründen lässt und in die Übung zunehmend klarer hinein gestaltet werden kann. Die einzelnen Übungen erfahren von Mal zu Mal eine Bereicherung durch den Übenden und ihr seelisch-geistiger Gehalt verleiht den verschiedenen Stellungen einen immer harmonischeren Ausdruck. Der Übende trachtet weniger danach für sich etwas aus der Übung herauszuholen, sondern er legt einen tieferen Sinn in die Übung hinein, der ihm selbst dann auch zugute kommt.

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Mit einer einfachen Zeichnung hat Heinz Grill den sozialen Prozess skizziert, um ihn bildhaft vorstellbar zu machen. Jeder einzelne Strahl strebt auf den Mittelpunkt zu und verstärkt diesen. Gleichzeitig entsteht aber auch eine Weitung nach außen.

Im sozialen Prozess steht die Frage, wie der Einzelne etwas zur Übung, zu einem Fachgebiet, zum Gelingen der Veranstaltung oder zur Bereicherung des Kosmos beitragen kann, im Vordergrund. Der persönliche Gewinn, den der Einzelne für sich nehmen kann, ist zunächst sekundär, weil im sozialen Prozess selbst, bei dem das Bewusstsein mehr nach außen gerichtet wird, erbauende Kräfte entstehen, die sowohl für andere als auch für den Einzelnen förderlich wirksam werden. Deshalb ist es nicht entscheidend wie viele neue Informationen oder Energien man bei einer Veranstaltung für sich sammeln kann, sondern vielmehr wie es gelingt, unter Mitwirkung aller Anwesenden ein Thema und die gewählten Inhalte aufzubauen und zu verlebendigen. Alle Anwesenden – bereits Erfahrene, Fortgeschrittene, Anfänger und der Referent wirken im sozialen Prozess gleichermaßen zusammen, bis das Thema ideal herausgearbeitet ist und mit neuen Empfindungen in die Erfahrung rückt.

Yoga als sozialer Prozess verstanden wird zu einer gebenden Tätigkeit, die in allen Fachgebieten praktiziert werden kann und sich nicht nur auf die Körperübungen begrenzt. Die Körperübungen sind ein Gebiet, auf dem der sozial-spirituelle Prozess bereits im Laufe eines Studientages gut zugänglich ist und in ersten Schritten kennengelernt und erprobt werden kann. Für Fortgeschrittene sind die Studientage zur Erweiterung des Verständnisses des sozialen Prozesses gedacht. Anfänger und Fortgeschrittene sind jedoch gleichermaßen im Zugehen auf das Thema und die Inhalte gestaltend beteiligt. Bei mehrtägigen Veranstaltungen kann das jeweilig Thema umfassender aufgebaut werden.